Ich denke, den besten Eindruck davon, was Ambermoon eigentlich ist, erhält man aus der folgenden Preview des AMIGA-Magazins von 1993.
Thalion besinnt sich auf gute Rollenspiel-Traditionen: Nach "Dragonflight" und "Amberstar" folgt mit "Ambermoon" der nächste Teil der Saga auf dem Planeten Lyramion. Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch: Ambermoon wartet mit einer stark überarbeiteten Benutzerführung und stufenlosem Bitmap-Scrolling auf.
Nachdem der dritte Mond des Planeten "Das rote Auge des Tarbos" auf das gute alte Twinlake herabgestürzt war und den gesamten Landstrich vollständig verwüstet hatte, braut sich erneut eine dunkle Gefahr über dem geplagten Lyramion zusammen. Der Held erfährt davon am Sterbebett seines Großvaters, einem Helden-Veteranen der Ereignisse von "Amberstar". Dieser hat in einem Fiebertraum eine Botschaft des vor vierzig Jahren verblichenen Grauen Magiers Shandra erhalten. Der Zauberer hält den Enkel seines alten Freundes für genau den richtigen Mann, um Lyramion zu retten. Ehe das Abenteuer beginnt, sollte man den Keller erforschen, von wo aus eine rätselmundgesicherte Geheimtür in ein Höhlensystem führt. Irgendwo dort befindet sich die alte Heldenausrüstung des sterbenden Großvaters... So beginnt das Abenteuer in einer Welt voller kniffliger Rätsel, schwerer Kämpfe und einigen mehr als ungewöhnlichen "Beförderungsmitteln".
Wie beim Vorgänger zieht unser Recke zunächst allein los, um aber schon bald auf die ersten der über die ganze Welt verstreuten potentiellen Mitstreiter zu treffen. Die so zusammengesuchte Party kann aus maximal sechs Mitgliedern verschiedener Rassen bestehen. Genügend Geld und Erfahrungspunkte vorausgesetzt, bieten Berufsgilden die Möglichkeit zur Ausbildung, die je nach Berufsstand den richtigen Einsatz von Schwert und Armbrust, das Knacken komplizierter Schlösser, die Anwendung von Zaubersprüchen, und nicht zuletzt die Kenntnis von Fremdsprachen umfaßt. Bewegt sich die Gruppe in einem Gebäude oder auf Reisen zwischen einzelnen Handlungsplätzen, erblickt der Spieler die Szenerie aus der Vogelperspektive. Auf diesem zweidimensionalen Grundriss bewegt er seine Mannen entweder über Tastenfeld oder Mausklick in die Grafik, die zu diesem Zweck in neun unsichtbare Felder aufgeteilt ist. Innerhalb eines Dungeons wechselt die Sichtweise scheinbar zur üblichen 3-D-Perspektive. Der Eindruck ändert sich jedoch schnell: Jede Bewegung der Party zeigt sich in stufenlosem Scrolling der Wände und Türen. Rollenspieler-Träume werden wahr: Mit dem Mauszeiger in der Grafik marschiert die Party frei durch die Gänge, bei ein wenig Übung sogar mit der gewünschten Geschwindigkeit. Dass all das praktisch ruckelfrei und zumal auf einem Amiga 1200 ziemlich flott abläuft, fällt besonders positiv auf, vor allem angesichts der detailliert und sehr hübsch gezeichneten Hintergründe.
Wenig Neues dagegen beim Kampfsystem. Hier hat sich gegenüber "Amberstar" nichts geändert. Auf der linken Seite des Screens präsentieren sich die Monster in bedrohlicher 3-D-Ansicht, wobei sie sich fast stufenlos hin- und her-, vor- und zurückbewegen. Angewandte Zaubersprüche äußern sich durch passende optische und akustische [Anmerkung: AKUSTISCHE???] Effekte. Rechts befindet sich ein in zwanzig Felder unterteiltes Schachbrett mit den Positionen der Kämpfer. Die Bewegungs- und Aktionsmöglichkeiten halten sich ziemlich in Grenzen, jeder Charakter kann sich nur auf engstem Raum bewegen. Davon aber abgesehen bietet Ambermoon eine riesige Spielwelt, die aus dem Planeten Lyramion und seinen verbliebenen zwei Monden besteht; in "Amberstar" war die Welt noch nicht mal halb so groß. Weit über 100 Zaubersprüche und 380 benutzbare Gegenstände schaffen ebenso wie die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten eine enorme Spieltiefe. Im Zug der Errettung des geliebten Heimatplaneten stolpert der Heldenclub in zahlreiche Nebenabenteuer, die teilweise auch erfahrenen Rollenspielern tiefe Furchen in die Denkerstirn graben. Für die Orientierung in Städten und finsteren Verliesen sorgt ein ausgefeiltes Automapping dafür, dass einmal besuchte Örtlichkeiten auf Diskette verewigt werden. Sollte ein erneuter Besuch fällig sein, begibt sich die Party auf Wunsch automatisch dorthin. Überhaupt haben sich die Programmierer bei Thalion große Mühe gegeben, einfache Benutzerführung zu verwirklichen: Logische Mausklick-Schalter, die geschickte Einbindung beider Maustasten und die Möglichkeit, durch Selektion in der Grafik Gegenstände aufzunehmen oder Personen anzusprechen, erleichtern den Umgang mit den vielfältigen Optionen des Programms.
Großen Anteil an der atmosphärischen Dichte haben die schönen Bitmaps im 3-D-Fenster. Viele Details lassen die Szenerie realistisch wirken, so z.B. die fließenden Übergänge zwischen Tag und Nacht, der Sternenhimmel und die vielen Objekte, die allerdings etwas grobkörnig wirken, wenn der Betrachter sehr dicht davor steht; leider ein unvermeidlicher Effekt. Vielerorts sind kleine Gags eingebaut: So begegnet man in einer Szene Valdyn, dem wackren Helden des Thalion-Actionspiels "Lionheart", der dann ganz unverhüllt für sein Spiel Reklame macht. Wie es sich für ein heimisches Produkt gehört, sind die Screen-Texte in gutem Deutsch gehalten; teils rührig, teils humorvoll,
vermitteln sie ein menschliches Bild von den Akteuren, die hier keinesfalls als Superhelden auftreten. Tatsächlich ist am Anfang Vorsicht angesagt: Weder verfügt der Hauptcharakter über irgendwelche besonderen Fähigkeiten, noch ist die Reserve an Lebenspunkten dazu angetan, allzu wild das Schwert zu schwingen. Auch das Wohlbefinden der Charaktere bedarf der Kontrolle: Die Helden ermüden, brauchen regelmäßig Speis und Trank, Lebens- und Magiepunkte müssen sich von Zeit zu Zeit regenerieren.
Auf sage und schreibe zehn Disketten kommt der Bernsteinmond daher; während die uns vorliegende Testversion erst ab OS 2.0 lauffähig war, soll das fertige Programm auch unter Kickstart 1.3 arbeiten. 1 MByte Arbeitsspeicher ist Grundvoraussetzung. Turbokarten und Zusatzspeicher werden erfreulicherweise unterstützt. Als Optimalkonfiguration muss aber ganz klar der Amiga 1200 mit Festplatte (das Spiel benötigt knapp 8 MByte Plattenkapazität) gelten, damit der Spieler nicht zum Diskjockey wird und das Echtzeit-Scrolling nicht zur Slideshow verkommt. Außerdem liegt dem Programm ein Handbuch sowie eine sehr schön gestaltete Landkarte bei.